Es war einmal – ein CEO. Er musste sein Unternehmen sicher durch eine Welt voller bedrohlicher Konkurrenten führen und dessen langfristiges Überleben sichern. Er verantwortete die Weiterentwicklung der Produkte ebenso wie sämtliche administrativen und finanziellen Belange. Halten Sie kurz inne! Was für ein Unternehmen sehen Sie vor Ihrem geistigen Auge?
Peter Näf
Zürich, April 2026
Haben Sie an eine Bank oder Versicherung gedacht? Oder an ein mittelständiges Industrie Unternehmen mit 300 Mitarbeitenden? Weit gefehlt! Ich habe von mir gesprochen – einem Einzelunternehmer, der alle Aufgaben selbst abdeckt und punktuell externe Dienste nutzt.
Ohne diesen Bezugsrahmen hat meine einleitende Kommunikation Sie vermutlich in die Irre geführt. Genau das vernachlässigen viele, wenn sie über ihre eigenen Erfahrungen sprechen: den Kontext.
CFO ist nicht gleich CFO
Dazu ein Beispiel: Vor Jahren trainierte ich einen CFO für ein Bewerbungsgespräch. Seinem CV entnahm ich seine Funktion sowie die wichtigsten Aufgaben. Die Firma kannte ich nicht. Ich schilderte ihm, was ich vor meinem geistigen Auge sah: «Sie arbeiten bei einem Produktionsunternehmen mit ca. 250 Mitarbeitenden, welches seine Produkte im In- und angrenzenden Ausland vertreibt.»
Entsetzt entgegnete er mir: «Wir beschäftigen über 2’500 Mitarbeitende, haben Niederlassungen auf drei Kontinenten und exportieren in über 50 Länder!» Autsch! Gemäss der Verfügbarkeitsheuristik von Daniel Kahnemann (siehe Buchtipp unten) unterschätzte ich, was ich nicht kannte und mir daher nicht präsent war.
Achten Sie also in Ihrer gesamten Bewerbungs-Kommunikation darauf, Kontext zu geben: Beschreiben Sie im Lebenslauf stichwortartig das Unternehmen, wenn es nicht allgemein bekannt ist.
Auch im Job-Interview beginnen Sie mit dem Kontext, indem Sie zuerst Unternehmen und Funktion beschreiben. Erst dann erzählen Sie von Ihren Aufgaben. wie ich es im Artikel: «Psycho fürs Job-Interview» beschrieben habe.
Schneewittchens Tanz
Die Logik lässt sich mit dem Prinzip älterer Trickfilme veranschaulichen: Es gab zwei Arten von Zeichnern: Die Figuren-Maler oder Animatoren waren für Aktion, Dynamik und Persönlichkeit der Protagonisten zuständig – für den Vordergrund. Die Hintergrundmaler hingeben waren für die Tiefe, das Licht und die Atmosphäre zuständig – für den Kontext.
Erstere erweckten Schneewittchen zum Leben. Sie zeichneten, wie sie neckisch ihr Kleidchen raffte und singend ein fröhliches Tänzchen aufführte. Es machte dabei einen Unterschied, in welchen Kontext die Hintergrundmaler die Figur setzten: Tanzt sie im Wald, umflattert von Vöglein und Schmetterlingen, während Rehlein sie mit grossen Augen beobachten und Häschen lustig den Takt klopfen?
Oder führt sie ihr Tänzchen auf den Tischen im Saloon einer Goldgräberstadt auf, mit gierigen Augen beobachtet von ausschliesslich männlichen Zuschauern, die mit ihren ausgezogenen Schuhen den Takt auf den Tischen klopfen?
Für die FSK-Altersfreigabe dürfte nicht die Figur, sondern der Kontext entscheidend gewesen sein.
