Karrierekiller Homeoffice?

So titelte ein Artikel in der NZZ im Dezember 2025, allerdings mit Ausrufezeichen – nicht als Frage. Während der Pandemie erlebten viele, wie gut Homeoffice funktionieren kann – und dass sie zu Hause oft produktiver sind als im Unternehmen. Manche kamen sogar zum Schluss, der Arbeitsort spiele keine Rolle mehr. Doch ist das die ganze Wahrheit?

Peter Näf
Zürich, Februar 2026

Zweifelnde Stimmen zu dieser uneingeschränkt positiven Sichtweise gab es schon länger – vor allem aus Unternehmenssicht. Ob berechtigt oder nicht: Manche befürchten, Mitarbeitende würden zu Hause weniger arbeiten; andere vermissen die Kontrolle.  Zusätzlich stellt sich die Frage, wie sich eine Unternehmenskultur entwickeln lässt, wenn sich Menschen kaum noch persönlich begegnen.

Nach dem Ende der Pandemie scheuten sich viele Unternehmen aus Angst vor Kündigungen, die Wahlfreiheit beim Homeoffice einzuschränken. Seit sich der Arbeitsmarkt jedoch wieder zugunsten der Arbeitgeber gewandelt hat, beordern viele ihre Mitarbeitenden zurück in die Büros. Manche verlangen sogar eine hundertprozentige Präsenz. Das Pendel schlägt damit auf die andere Seite aus – fast so, als hätte Homeoffice ausschliesslich Nachteile.

Es geht um Sichtbarkeit

Aus Sicht der Mitarbeitenden standen lange Zeit vor allem die positiven Aspekte im Vordergrund: höhere Produktivität, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, kein Pendeln und damit mehr Freizeit. Seit einiger Zeit beobachte ich bei meinen Coachees Ermüdungserscheinungen im Zusammenhang mit Online-Coaching. Für persönliche Gespräche nehmen sie wieder gerne eine längere Anreise in Kauf – ein erstes Signal.

Doch was bedeutet Homeoffice langfristig für die eigene Karriere?

Wenn ich mit Coachees am Thema Selbstmarketing arbeite, geht es darum, die eigene Leistung durch gutes Storytelling für interne und externe Stakeholder sichtbar zu machen – auch ohne Homeoffice eine Herausforderung. Denn wie ich im Artikel «Warum Erfolg nicht genügend für sich spricht» beschrieben habe, wird selbst gute Leistung oft zu wenig wahrgenommen. Viele gehen jedoch davon aus, dass sie automatisch gesehen wird.

Im Kontext von Remote Work entsteht eine doppelte Unsichtbarkeit – fachlich wie physisch. Dass dies für die Karriere problematisch sein kann, bestätigt auch die Wissenschaft.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Nicholas Bloom, Professor an der Stanford University, kam zum Schluss, dass ein Homeoffice-Anteil von über 40 Prozent bei einem 100-Prozent-Pensum die Chancen auf eine Beförderung schmälert – aufgrund mangelnder Sichtbarkeit. Der Managementprofessor Florian Kunze, Studienleiter der Konstanzer Home-Office-Studie für den deutschsprachigen Raum, rät Menschen mit hohen Karriereambitionen sogar zu einer Präsenz von vier bis fünf Tagen pro Woche im Büro.

Achten Sie daher in jedem Fall darauf, sowohl durch physische Präsenz als auch durch gezieltes Storytelling sichtbar zu bleiben. So betrachtet hatte der Autor des Zeitungsartikels wohl recht, den Titel mit einem Ausrufezeichen statt mit einem Fragezeichen zu versehen.

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