Autodidaktik – Schlüsselkompetenz für die Zukunft

Warum wir uns oft unseren grössten Stärken nicht bewusst sind, habe ich im Artikel «Wofür sich Fremdbilder eigenen» dargestellt. Unter all den unbewussten Kompetenzen sticht in meiner Beratung eine immer wieder hervor: Autodidaktik. Vielen Menschen, die diese Stärke besitzen, ist nicht einmal der Begriff geläufig. Schade – denn darauf kommt es in Zukunft immer mehr an.

Peter Näf
Zürich, April 2026

Dass es nicht selbstverständlich ist, sich Dinge selbst beizubringen, habe ich als eingefleischter Autodidakt, vor über 20 Jahren als Personalberater gelernt. Ich hatte eine Hochschulabsolventin an eine Bank vermittelt. Während ihrer Probezeit traf ich sie zum Mittagessen, um zu besprechen, wie sie sich in der neuen Stelle eingelebt hatte. Sie berichtete, ihre Vorgesetzte sei unzufrieden – weil sie zu viele Fragen stelle.

Ich war erstaunt. So etwas hatte ich noch nie gehört. Also erkundigte ich mich nach der Art der Fragen. Als Beispiel nannte sie die Frage nach dem Unterscheid zwischen einer Namenaktie und einer Inhaberaktie. Mir wäre vor Schreck fast die Gabel aus der Hand gefallen. Ich muss sie entgeistert angesehen haben.

Das Lernen hört nach der Uni nicht auf

Denn sie entschuldigte sich sofort und erklärte, dieses Thema sei an der Uni nicht behandelt worden. Ich riet ihr, sich Fachliteratur zu besorgen und ihr Wissen auf den Stand zu bringen, der in der Position erwartet wurde. Jetzt sah sie mich entgeistert an. Sie ging davon aus, dass das Unternehmen sie für ihre Rolle ausbilden müsse.

Dabei wurde mir klar: Autodidaktik ist keine Selbstverständlichkeit. Und sie entsteht nicht automatisch durch ein Diplom. Entscheidend ist die Fähigkeit, auch ohne Lehrplan zu lernen.

Herausforderung fürs Recruiting

Ist das erwartete Fehlen von Autodidaktik ein Grund dafür, dass Unternehmen bei Rekrutierungen der Ausbildung so viel Gewicht geben? Zertifikate geben Sicherheit – und sie vereinfachen den Vergleich von Kandidatinnen und Kandidaten. Kurz: Recruiting liebt Zertifikate – Autodidakten liefern oft keine. Genau deshalb fallen sie im Auswahlprozess schnell durch das Raster.

Dabei gehören viele der beeindruckendsten Kandidatinnen und Kandidaten, die ich in meiner Beratungspraxis kennengelernt habe, zu den Self-Learnern. Als Praktikerinnen konnten sie dem Schulalltag wenig abgewinnen – und haben sich im Berufsleben das benötigte Wissen im Selbststudium angeeignet. Die vielen Studienabbrecher, die erfolgreiche Unternehmen aufgebaut haben, sind nicht ohne Grund zur Legende geworden.

Der technologische Wandel ist schneller als jedes Schulungsprogramm. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, sich Wissen selbständig anzueignen.

Wie nach dem Gespräch mit der Hochschulabsolventin nicht anders zu erwarten, wurde ihr noch in der Probezeit gekündigt. Für sie war es bitter. Für mich teuer: Ich musste die Hälfte des Vermittlungshonorars zurückbezahlen.

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