Mit wachsender Berufserfahrung kennen Sie vielleicht das ungute Gefühl, wenn Ihnen bewusstwird, dass es immer weniger passende Stellen für Sie gibt. Zu Beginn Ihrer Karriere stand Ihnen als unbeschriebenem Blatt gefühlt die ganze Welt offen. Und Jahre später bleiben auf einmal viele Türen verschlossen. Viele Betroffene reagieren in dieser Situation aus Angst – und greifen dabei zu einer fatalen Strategie.
Peter Näf
Zürich, Februar 2026
Ein Kunde von mir, nennen wir ihn Markus, hatte einen interessanten und spezialisierten beruflichen Hintergrund. Nach einem technischen Studium und mehreren Jahren in der Industrie arbeitete er zuletzt in seinem Fachgebiet als Unternehmensberater. Nach einer beruflichen Auszeit machte er bei mir ein selbstfinanziertes Outplacement zur beruflichen Neuorientierung und Stellensuche.
Wir führten eine Standortbestimmung durch und definierten mögliche Jobprofile. Als er mit der Stellensuche begann, war er schockiert: Im Vergleich zu früher war sein Arbeitsmarkt deutlich geschrumpft. Es gab nur wenige Stellen für sein spezialisiertes Profil. Was tun? Wie viele Stellensuchende in ähnlicher Situation versuchte er, seinen Markt wieder zu vergrössern.
Es gibt kein Zurück
Er weitete seine Suche auf Positionen aus, auf die er sich schon vor fünf oder zehn Jahren hätte bewerben können. Damit bewegte er sich zwar auf seinem bisher grössten Arbeitsmarkt – was ihm zunächst ein beruhigendes Gefühl gab. Aber ich warnte ihn vor dieser Strategie.
Er konnte sich nun zwar auf mehr Stellen bewerben, war jedoch für die meisten überqualifiziert – und erhielt entsprechend Absagen. Überqualifikation als Absagegrund gehört in meiner Beratungspraxis zu den am schwierigsten zu vermittelnden Themen (siehe Artikel «7 mal in letzter Runde – 7 mal Absage»). Intuitiv verleiht es Sicherheit, den Suchradius bei der Stellensuche zu verbreitern. Damit bewirbt er sich aber in der grossen Masse von anderen Bewerbenden.
Die erfolgreichere Strategie betont das Gegenteil und mag sich anfänglich etwas unbehaglich anfühlen: Sie spitzen Ihr Job-Anforderungsprofil so zu, dass Sie in Ihrem kleineren Arbeitsmarkt optimal auf Stellen passen. Damit bewerben Sie sich nur noch auf Positionen, die Ihre Seniorität wirklich erfordern.
Small is beautiful
Berufserfahrene mit vielen Jahren Praxis sind kein Passepartout mehr, sondern ein komplexer Schlüssel, der nur noch ausgewählte Türen öffnet. Fassen Sie also Mut, sich mit der Tatsache abzufinden, dass Ihr Arbeitsmarkt kleiner wird. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, dass die meisten dieser wegfallenden Stellen Sie ohnehin nicht interessiert hätten.
Auch in einer Generationenperspektive wäre es nicht fair, wenn im Bereich der Fach- und Führungsspezialistinnen und -spezialisten die reiferen Jahrgänge den Jüngeren deren Stellen streitig machten und ihnen damit die Chance raubten, ebenfalls fachliche und persönliche Reife zu entwickeln.
Mit etwas Geduld fand Markus schliesslich eine Stelle, die ihn wirklich interessierte – und für die er optimal qualifiziert war. Und es war nicht einmal sein einziges Eisen im Feuer. Der kleine Arbeitsmarkt erwies sich also als gross genug.
